Präsenzunterricht trotz Coronavirus

„Ein Witz“: SPD-Fraktionschef zerlegt Corona-Konzept zum Schulstart

Ab Montag besuchen Schüler in Baden-Württemberg wieder die Schule. Doch mit dem Corona-Konzept sind viele absolut nicht zufrieden.

Stuttgart - In Baden-Württemberg beginnt am Montag trotz der Corona-Pandemie das neue Schuljahr. Bereits vor dem Ende der Ferien hatte die Bildungsgewerkschaft GEW eine fatale Prognose gestellt: Experten warnten vor dem Schulbeginn in Baden-Württemberg vor einer Lage so düster wie nie (BW24* berichtete). Tatsächlich brachte die GEW weniger das Coronavirus in Baden-Württemberg* zu dieser Schlussfolgerung, sondern zwei andere Faktoren, die nur indirekt mit der Pandemie zusammenhängen.

Zum einen sieht die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Baden-Württemberg noch Nachholbedarf bei der Digitalisierung. Das spielt besonders dann eine Rolle, wenn der wieder einsetzende Präsenzunterricht an den Schulen durch digitale Angebote aufgrund des Coronavirus ergänzt werden muss. Zum anderen hat die Corona-Pandemie den ohnehin schon gravierenden Lehrermangel verschärft, da zahlreiche Lehrkräfte zur Covid-19-Risikogruppe gehören und somit ausfallen. Doch damit nicht genug. Wie der SWR berichtet, sorgt auch das Corona-Konzept an den Schulen für harsche Kritik.

Corona-Konzept an Baden-Württembergs Schulen: Theoretisch gut, praktisch kaum umsetzbar

Negative Rückmeldung zum Corona-Konzept an Schulen in Baden-Württemberg kommt vor allem vom deutschen Philologenverband. Der Zusammenschluss von Lehrern an Gymnasien, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen erachtet das Corona-Konzept auf dem Papier als sinnvoll, so der SWR. Allerdings seien die Maßnahmen in der Praxis kaum umsetzbar.

Schule trotz Coronavirus in Baden-Württemberg: Kultusministerin Susanne Eisenmann will im nächsten Schuljahr trotzdem viel Präsenzunterricht.

Die Abstandsregel sei im Lehrerzimmer kaum einzuhalten, Waschbecken für die Handhygiene seien nicht ausreichend vorhanden und zahlreiche Fenster ließen sich an Schulen gar nicht öffnen - was regelmäßiges Lüften unmöglich macht. Der Landesvorsitzende des Philologenverbands, Ralf Scholl, macht deshalb dem Kultusministerium schwere Vorwürfe.

Anstatt zu Beginn des Schuljahres auf schärfere Regeln - wie zum Beispiel eine Maskenpflicht im Unterricht - zu setzen, arbeite das Kultusministerium „nach dem Prinzip Hoffnung“. Mit solch eine Strategie werde man nur mit großem Glück das Schuljahr ohne Schulschließungen auskommen, so Ralf Scholl zum SWR.

Strengere Regeln für die Anfangsphase des neuen Schuljahres sind tatsächlich nicht komplett abwegig. Im Kreis Göppingen hatten zuletzt Abiturienten das Coronavirus aus dem Partyurlaub eingeschleppt.* Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch kurz vor Schuljahresbeginn noch Rückkehrer das Coronavirus aus dem Urlaub mitbringen.

Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann glaubt indes an das bestehende Corona-Konzept. Eine Stärke sieht sie in der Kohortenbildung, also die Einteilung der Schüler in Gruppen, die sich untereinander nicht begegnen dürfen. Das Kohortenprinzip hält Ralf Scholl allerdings an Gymnasium für nicht umsetzbar, da gerade in der Oberstufe Schüler in vielen Kursen mit anderen Schülern in Kontakt kämen.

Bei einer Infektion mit dem Coronavirus träfe eine Quarantäne also die gesamte Kursstufe, anstatt nur kleine Kohorten. Eine Studie hatte zuletzt bestätigt, dass Susanne Eisenmann mit ihrer Hoffnung nicht ganz falsch liegt und die meisten Jugendlichen verantwortungsvoll mit der Corona-Krise umgehen. Denn die Mehrheit junger Menschen will auch nach der Corona-Pandemie Masken tragen.*

Schuljahr trotz Coronavirus in Baden-Württemberg: SPD zerlegt besonders das Nachhilfeprogramm

Auch die SPD in Baden-Württemberg sparte nicht mit Kritik am Corona-Konzept des Kultusministeriums. Die Oppositionspartei bemängelt dabei aber vor allem das Nachhilfeprogramm an den Schulen im Land. Die so genannten „Lernbrücken“, ein zweiwöchiges Nachhilfeprogramm währen der Sommerferien, hätten bei weitem nicht ausgereicht, um den verpassten Stoff während der Corona-Pandemie aufzuholen, erklärte Stefan Fulst-Blei, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion dem SWR. Viele Schüler bräuchten auch im neuen Schuljahr laufend während des Unterrichts Unterstützung.

SPD-Fraktionschef Andreas Stoch wählte gegenüber dem SWR noch deutlichere Worte. „Es ist doch völlig klar, dass in zehn Tagen nicht nachgeholt werden konnte, was über fünf Monate an Rückstand aufgelaufen ist“, so Andreas Stoch. Auch er setzt sich deshalb wie Stefan Fulst-Blei für ein Nachhilfeprogramm über das gesamte Schuljahr ein. Dafür will Andreas Stoch auch weitere Lehrkräfte einstellen. „Demgegenüber sind die 250 neuen Stellen, die die Kultusministerin jetzt in Aussicht stellt, ein Witz mit Anlauf“, so Andreas Stoch zum SWR. (*BW24 ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks)

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