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Dramatische Auswüchse bei Kreuzfahrten: TUI-Chef bekommt bei Lanz die Leviten gelesen

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Klimaaktivistin trifft Touristikchef: Bei „Markus Lanz“ ging es um die Auswirkungen von Massentourismus.

Klimaschutz und Kreuzfahrtreisen sind zwei Dinge, die sich nicht wirklich vertragen. Bei „Markus Lanz“ wurden die umweltschädlichen Auswirkungen diskutiert. Was denkt der Boss des größten Touristikkonzerns?

Mehr denn je diskutiert die Öffentlichkeit über die Auswüchse von steigenden Schadstoff-Emissionen und wie ein schonenderer Umgang mit Mutter Natur erreicht werden kann. Als Mitschuldiger der ökologischen Misere wird die Kreuzfahrtindustrie ausgemacht. Zurecht? Showmaster Markus Lanz lud Interessenvertreter ein, die in seiner ZDF-Sendung zur aktuellen Problematik Stellung bezogen. Folgende Gäste nahmen an der Gesprächsrunde teil:

  • Clara Mayer, Klimaaktivistin
  • Fritz Joussen, Chef des Touristikkonzerns TUI
  • Dirk Schümer, Journalist und Wahl-Italiener
  • Peter Wohlleben, Förster

Markus Lanz: TUI-Chef Joussen bekommt einiges zu hören

„Wieviel Tourismus verträgt eigentlich unser Planet?“ fragte Lanz zu Beginn und richtete das Gespräch während der Vorstellungsrunde zuerst auf das Oberhaupt des weltgrößten Tourismuskonzerns. Interessanterweise ist TUI-Chef Fritz Joussen nicht der Meinung, dass der stetig wachsende Tourismus aus ökologischer Sicht verhängnisvolle Auswirkungen hat. Im Gegenteil. „Eine richtige, gute Bewegung“ findet Joussen zwar die „Fridays for Future“-Debatte. Allerdings bringt dieser die These auf, dass die Welt sogar eher „unterbereist“ sei. 

Der Grund: Je mehr die Menschen in anderen Ländern Urlaub machen, desto mehr würden Einheimische davon wirtschaftlich profitieren. Abgesehen davon berichtet Joussen, dass es hauptsächlich Handelsschiffe seien, die ein großes Problem für die Weltmeere darstellen: 40.000 dieser Gattung stünden gerade mal 300 Kreuzfahrtschiffe gegenüber. Eine Quelle für diese Statistik benennt der Vorstandsvorsitzende von TUI nicht. 

Wenig verwunderlich verfolgt Joussen in der Debatte offenbar die Taktik, die eigene Bedeutung hinsichtlich des Klimawandels kleinzureden, und im Gegenzug andere Umweltsünder zu benennen. Bei Klimaaktivistin Clara Mayer kamen die Bekundungen des Tourismusgiganten nicht gut an. Die 18-Jährige vertritt den entgegengesetzten Standpunkt und ist der klaren Meinung: „Es gibt keine umweltschädlichere Art, als mit dem Kreuzfahrtschiff zu fahren.“ Hat Mayer Recht? 

Eine Untersuchung der Stiftung Warentest in Zusammenarbeit mit der Organisation Atmosfair kam vor einigen Monaten zum Schluss: Kreuzfahrer verbrauchen während einer Woche auf hoher See 1500 Kilogramm Kohlendioxid. Das „klimaverträgliche Jahresbudget“ pro Kopf liegt der Studie nach gerade mal bei 2300 Kilogramm CO2-Emissionen. Damit wäre also ein großer Teil schon mal aufgebraucht...

Markus Lanz (ZDF): Profitieren Hafenstädte von Kreuzfahrt-Touristen?

Zu der oben genannten These bezüglich des Profits der Destinationen hat Clara Mayer ebenfalls eine klare Meinung - und benennt einen Aspekt, den viele Ziele von Kreuzfahrten beklagen: Touristen fördern die Infrastruktur der bereisten Häfen eigentlich kaum - stattdessen wird „All Inclusive“ auf dem Schiff gespeist, kurz in die Stadt gefahren und danach zügig auf das Schiff zurückgekehrt. 

"Mittlerweile so viele Abgase wie Mexiko City": ein Kreuzfahrtschiff vor Venedig.

Wirtschaftliche Interessen der Hafenstädte seien demnach also schonmal keine Rechtfertigung für das Durchführen von Kreuzfahrten. Joussen wiederum rechnete vor, dass die kommerzielle Schifffahrt gerade mal 2,5 Prozent des gesamten weltweiten CO2-Ausstoßes verursache. Auch diese Zahlen belegte er jedoch nicht mit einer Quellenangabe. 

Umweltschützerin Mayer entgegnete dem mächtigen TUI-Boss: "Die Frage ist nicht, wie wir Strohhalme auf ihren Schiffen reduzieren. Die Frage ist: Wie reduzieren wir Ihre Schiffe auf dem Meer?" Als es dann schließlich um das Thema Flüssigerdgas ging, das langfristig Diesel als Treibstoff in der Schifffahrtsindustrie ersetzen soll, ging es gleich um einen weiteren Streitpunkt: Fracking. Denn mittels dieses Vorganges wird oftmals der Rohstoff Gas gewonnen. „Das ist eine der größten Umweltsünden, die wir momentan haben“, unterbrach Mayer Joussen prompt und verwies auf die daraus resultierenden Umweltschäden. 

Markus Lanz: Dramatische Auswüchse durch Kreuzfahrten nach Venedig

Ein Ort, der mittlerweile am Kreuzfahrt-Tourismus nahezu erstickt, ist Venedig. Nahe der Stadt verunglückten kürzlich drei Männer auf einem Rennboot. Der in Venedig ansässige deutsche Journalist Dirk Schümer kennt die Situation bestens und behauptet bei „Markus Lanz“: „Venedig hat mittlerweile so viele Abgase wie Mexiko City“. Der Autor schildert die geruchsintensive (“es stinkt“) Lage in der norditalienischen Stadt, die von Kreuzfahrtschiffen stark frequentiert wird. 

Bei Markus Lanz erläuterte Schümer die Misere in der Lagunenstadt, mit den Heerscharen an Urlaubern: „Wir sind hier nur noch im Zoo“, stellte der Autor fest. Eng verbunden mit dieser Entwicklung ist der Aufschwung Chinas in den vergangenen Jahren. Denn immer mehr Menschen aus dem Reich der Mitte genießen Wohlstand und machen sich auf, die Welt zu erkunden. Ex-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger prophezeite schon in den Sechziger-Jahren dieses Szenario, wie die Frankfurter Rundschau* berichtet.

Mit Peter Wohlleben kam schließlich auch ein Förster zu Wort, der sich besonders mit den Waldbeständen in Deutschland auskennt und die Zuschauer mit einem weiteren Problem konfrontiert: dem „Waldsterben 2.0“. Dieses sei im großen Gange und den extremen Sommern der Jahre 2018 und 2019 geschuldet. Der auch als Autor fungierende Wohlleben erklärte: „Wir haben in Deutschland kaum Wälder, die man so nennen kann.“ 

Vielmehr seien es künstliche Plantagen, damit man Holz verkaufen könne. Laubwälder seien vernichtet und stattdessen auf Fichten gesetzt worden. Eine Idee der zuständigen Ministerin Julia Klöckner ist der Import von Douglasien aus Nordamerika - der Fachmann hält davon wenig. Wohlleben plädiert dafür, wirtschaftliche Interessen zurückzuschrauben und wieder mehr Natur zuzulassen, denn „der Wald kommt bei uns von alleine“. 

Markus Lanz: „Waldbaden“ statt Fernreisen neuer Klimaschutz-Trend?

Ein interessanter Ansatz: den Urlaub künftig mehr in der Heimat zu verbringen, statt in ferne Länder zu reisen. Denn im Wald könne man genauso gut Erholung sammeln. Immer populärer wird zum Beispiel das „Waldbaden“, das in Asien sogar bereits von Ärzten verordnet wird. Abgesehen davon sorgen heimische Ausflüge in die Natur für eine Einsparung der CO2-Emissionen durch die Vermeidung von langen Flug- oder Schiffsreisen - so wie Greta Thunberg es vorgemacht hat

„Wenn der Wald halbwegs intakt ist, beruhigt uns das“, sagt Wohlleben. Auch Clara Mayer hatte einen Appell, der Mobilität nachhaltiger machen würde: Zugtickets in Deutschland müssen künftig billiger werden, um möglichst viele Menschen von der Straße und aus der Luft auf die Schiene zu bekommen.

Lesen Sie auch: Kuriose Umfragen: Deutsche sorgen sich ums Klima - doch beim Fliegen hört der Spaß auf

Bei Markus Lanz (ZDF) erntet Gesine Schwan Kritik für ihre Kandidatur um den SPD-Vorsitz. Auch in der Partei ist sie umstritten. Kurz vor den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen 2019 geht es bei Markus Lanz im ZDF um die politische Zukunft Deutschlands. Unter steht dabei einbayerischer Kanzlerkandidat im Fokus

PF

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