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Die Faszination für das Böse: Deshalb ist „True Crime“ Kult

Absperrung am Tatort
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Hinter jedem Verbrechen steckt eine Geschichte – und True-Crime-Fans können gar nicht genug davon bekommen.

Serienmörder, Vermisstenfälle, Mord aus Rache – für einen True-Crime-Fan sind diese Worte der Anfang einer spannenden Story. Doch warum übt ausgerechnet die blutige Nacherzählung wahrer Verbrechen so eine Faszination auf viele Menschen aus?

Ist es Sensationsgier? Ist es der Wunsch, das Böse zu verstehen? Oder einfach der schiere Unglaube, dass Menschen tatsächlich zu solch brutalen Verbrechen in der Lage sind? True Crime ist nicht erst auf dem Vormarsch – der Boom ist schon längst vollständig eingeschlagen. Bücher, Podcasts, Dokus und Serien: Anhänger des Genres bekommen heutzutage genug Nachschub.

Als Vorreiter des Genres zählt die Sendung „Medical Detectives“. Das Format aus Amerika, das die Ermittlungsarbeit in echten Kriminalfällen unter die Lupe nimmt, läuft häufig zu später Stunde im Fernsehen. Den ganz großen Hype hat im Jahr der englischsprachige Podcast „Serial“ ausgelöst. Die Betreiberin hatte es sich darin zur Aufgabe gemacht, einen Mord an einer Schülerin aus den USA aufzuklären. Seitdem ist die Begeisterung für True Crime auch nach Deutschland übergeschwappt.

True Crime: Aktenzeichen XY bespricht seit 1967 ungelöste Verbrechen in Deutschland

Aber auch in Deutschland ist das Interesse an echten Verbrechen nichts Neues: Bereits seit dem Jahr 1967 gibt es die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“. Hier werden Fälle aus Deutschland vorgestellt, die die Polizei durch die Hilfe von möglichen Zeugen lösen will. Schon oft haben Hinweise von Zuschauern zu der Aufklärung von Verbrechen geführt. Das ist True Crime zum Mitmachen.

Keine Frage: Die Lust der Anhänger, von echten Verbrechen zu hören, wird vorerst nicht abnehmen. Daher gibt es auch unzählige Möglichkeiten für die Fans, sich zum Thema True Crime zu informieren. Wir haben einige davon aufgelistet.

Podcast-Hype: Das Format für True-Crime-Storys auf Spotify, Apple Podcasts und Co.

Ganz besonders populär zum Thema True Crime sind derzeit Podcasts. In diesem Format sprechen einer oder mehrere Menschen über echte Kriminalfälle. Da sich das Genre so großer Beliebtheit erfreut, kommen immer wieder neue Shows hinzu. Die meisten dieser Podcasts sind kostenfrei und können auf Streaming-Plattformen wie Spotify, Apple Podcasts oder Podimo abgerufen werden.

Grundsätzlich lässt sich unterscheiden zwischen True-Crime-Podcasts, die von Zeitungsverlagen gegründet werden, sowie solchen, die von Privatpersonen betrieben werden. Zwei bekannte Beispiele sind „ZEIT Verbrechen“ und „Mordlust“. In ersterem berichtet die stellvertretende Chefredakteurin der Zeit, Sabine Rückert, über Fälle, die sie in ihrer Karriere bei Wochenzeitung bearbeitet hat. In Letzterem sprechen zwei junge Fernseh-Journalistinnen über Verbrechen aus Deutschland.

Darüber hinaus gibt es auch True-Crime-Podcasts, die sich mit internationalen Fällen beschäftigen, wie „Puppies and Crime“. Eine Mischung aus deutschen und internationalen Fällen finden Hörer bei „Menschen und Monster“. Selbstverständlich wird die Auswahl noch einmal größer, wenn man sich nicht nur deutschsprachige, sondern auch englische Formate ansieht.

Besonders praktisch an Podcasts: Der Hörer kann die Rezeption ohne Probleme mit einer anderen Tätigkeit verbinden – mit dem Autofahren, dem Putzen oder beim Sport machen. Viele der True-Crime-Formate erscheinen einmal wöchentlich, manche jedoch nur jede zweite Woche.

Serien und Dokus über True Crime auf Netflix

Was als Nische begann, ist jetzt trendiger denn je: Auch auf Netflix gibt es viele Sendungen zum Thema True Crime. Besonders bekannt ist die Mini-Serie „Making a Murderer“, in der der Amerikaner Stephen Avery 18 Jahre unschuldig im Gefängnis verbringt. Wenige Tage nachdem er durch einen neuen DNA-Test freigesprochen werden kann, wird er für einen weiteren Mord beschuldigt.

Auch andere Fälle werden auf Netflix vorgestellt. So erschien erst Anfang Oktober 2020 eine Dokumentation über die Familie Watts, deren Geschichte in der True-Crime-Community ebenfalls sehr bekannt ist. Nachdem eine Frau und ihre Kinder spurlos verschwunden, geriet der Ehemann unter Verdacht.

Die Serie „Tiger King“ genoss nach ihrer Veröffentlichung auf Netflix ebenfalls sehr große Aufmerksamkeit. Darin geht es um den exzentrischen Besitzer eines Privatzoos in den USA, der wegen eines Auftragsmords zu 22 Jahren Haft verurteilt wurde, und seinen ewig andauernden Streit mit der Tierschützerin Carol Baskin. Die True-Crime-Community diskutiert nach der Sendung vor allem darüber, ob die Frau für das Verschwinden ihres ersten Ehemannes verantwortlich ist.

In „Ted Bundy – Selbstportrait eines Serienmörders“ zeigen die Macher, wie einer der brutalsten Serienmörder der USA sich selbst zu seinen Lebzeiten gesehen hat. Die True-Crime-Doku enthält Tonaufnahmen aus seiner Zeit im Todestrakt, auf denen Bundy über sein Leben und seine Taten spricht.

True Crime: Bekannte Fälle und Cold Cases aus Deutschland und der Welt

Allein in Deutschland gibt es eine Vielzahl an True-Crime-Fällen. Aus dem näheren Umfeld stammt etwa der Münsterland-Mörder, der Anfang der 70er Jahre in Münster und der Umgebung mehrere Frauen ermordete. Der Täter konnte jedoch trotz vieler Spuren nie gefasst werden.

Die größte Berühmtheit im Bereich True Crime erlangen stets so genannte Cold Cases, also Fälle, die nicht endgültig aufgeklärt werden konnten. Daher ist auch der Mord an der Krankenschwesterschülerin Frauke Liebs aus Paderborn sehr bekannt. Die junge Frau war nach einem Fußballspiel zu Fuß auf dem Heimweg, als sie verschwand. In den nächsten Tagen folgten mehrere mysteriöse Anrufe bei ihrem Ex-Freund, in denen sie zu verstehen gab, dass sie gefangen gehalten wird. Ihre Leiche wurde drei Monate später gefunden. Ein Unternehmer hat nun die Belohnung für die Aufklärung des Falls Frauke Liebs auf 10.000 Euro erhöht.

Für viel Aufsehen hatte in der Region vor einigen Jahren der sogenannte Pausenbrot-Mörder gesorgt – auch wenn keines seiner Opfer letztendlich starb. Der Mann hatte die Stullen seiner Kollegen in einer Werkzeugbau-Firma mit Quecksilber vergiftet und ihnen damit erhebliche Schäden zugefügt. Ein junger Mann wird sein Leben lang im Wachkoma liegen. Klaus O. wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, anschließend wird er in Sicherungsverwahrung behalten. Das Motiv ist jedoch schlussendlich nicht klar geworden. Vor dem Prozess hatte der Angeklagte erklärt, dass er habe sehen wollen, wie das Gift auf seine Kollegen wirke. Über den Fall gibt es eine Podcast-Folge vom True-Crime-Format „Verbrechen von nebenan“.

Ebenfalls in Deutschland passiert, jedoch schon mehrere Jahrzehnte alt, ist der Fall Hinterkaifeck. Auf einem abgelegenen Bauernhof wurden sechs Menschen mit einer Hacke erschlagen, darunter zwei Kinder. Der Täter wohnte anschließend scheinbar noch mehrere Tage unentdeckt auf dem Gehöft. Über 100 Verdächtige überprüfte die Polizei, konnte den Mörder jedoch nie finden. Noch heute rätselt die True-Crime-Community über den Fall.

Aber auch internationale Fälle haben viel mediale Aufmerksamkeit erhalten – angefangen bei Jack the Ripper. Mitte 2020 kam zudem der Fall der verschwundenen Madeleine McCann wieder vermehrt an die Öffentlichkeit, nachdem ein möglicher Täter gefunden wurde. Über ihren Fall gibt es ebenfalls eine True-Crime-Doku auf Netflix.

Verbrechen in Schrift und Bild: Magazine zum Thema True Crime

Bereits seit 2015 gibt es auf dem deutschen Markt ein Magazin, das sich mit dem Thema True Crime befasst: „Stern Crime“ erscheint sechs Mal im Jahr und enthält stets mehrere Kriminalfälle aus der ganzen Welt, sowie Fotostrecken, Interviews mit Spezialisten und mit Krimi-Autoren. In dieselbe Kerbe schlägt „Verbrechen“, das Magazin der Zeit zum gleichnamigen Podcast, das sich ausschließlich mit deutschen Fällen beschäftigt.

Seit dem Sommer 2020 gibt es zudem ein neues Kriminalmagazin eines größeren Verlags auf dem Markt: „Echte Verbrechen“ wird von Focus verlegt. Hierzu gibt es ebenfalls einen gleichnamigen Podcast.

Einblick in die Ermittlungsarbeit: Bücher über True Crime

In der Buchbranche sind Bücher von Spezialisten aus dem True-Crime-Bereich schon länger ein Begriff. So veröffentlichte der Fallanalytiker Stephan Harbort bereits im Jahr 2001 das erste Buch über Serienmörder für ein breiteres Publikum. Seitdem hat er viele Titel zum Thema Kriminalpsychologie geschrieben, in denen die Leser anhand von Fallbeispielen aus dem echten Leben mehr über die Arbeit der Ermittler erfahren.

Auch aus der Judikative gibt es einige Richter, Anwälte und Experten, die Bücher über True Crime geschrieben haben. Auf die Bestsellerlisten hat es etwa der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach geschafft, dessen Fallsammlungen auch unter anderem mit Moritz Bleibtreu vom ZDF unter dem Namen „Schuld“ verfilmt wurden.

Interessante Einblicke in die Pathologie liefert der Gerichtsmediziner Michael Tsokos. In seinen Büchern berichtet er von True-Crime-Fällen, die er mit seiner Arbeit aufklären konnte. Inzwischen ist er auch Thriller-Autor. Gemeinsam mit einem Journalisten betreibt er zudem den Podcast „Die Zeichen des Todes“.

Austausch über Verbrechen: Foren zum Thema True Crime

Viele True-Crime-Fälle hinterlassen bei den Anhängern Gesprächsbedarf. Dafür gibt es im Internet unterschiedliche Foren, in denen sich die Hobby-Detektive über Theorien und Ungereimtheiten austauschen können. Dabei gibt es zu größeren Fällen teilweise sogar eigene Seiten, auf denen sich alles nur um das Verbrechen dreht, wie etwa bei Hinterkaifeck.

Besonders auf Vermisstenfälle spezialisiert ist das Forum Allcrime. Dort sind laufend aktuelle Meldungen aus Deutschland zu finden. Aber auch True-Crime-Fälle werden dort von den Nutzern ausführlich besprochen. Eine englischsprachige Enzyklopädie ist darüber hinaus die Seite Murderpedia.

True-Crime-Hype: Daher kommt die Faszination für das Böse

Aber warum interessieren sich Menschen nun für Verbrechen, denen andere zum Opfer fallen? Psychologen sowie Anhänger von True Crime haben mehrere Theorien für diese morbide Faszination aufgestellt. So wird einerseits beim Rezipienten der Geschichten Adrenalin ausgeschüttet, weil das Gehirn nicht zwischen realer und nicht realer Gefahr unterscheiden kann. Gleichzeitig kommt es jedoch auch zu einer Ausschüttung von Endorphinen, weil der Körper merkt, dass er sich in einer sicheren Umgebung befindet.

Die Psychologin und Gutachterin Lydia Benecke hat die Faszination für True Crime mit einem Autounfall verglichen: Man muss einfach hinschauen. Der Mensch kann auf diese Weise erleben, was ihm hätte passieren können und sich gut fühlen, weil er in Sicherheit ist.

Ein weiterer Ansatz liegt darin begründet, dass der Mensch nicht gut mit Dingen umgehen kann, die er nicht versteht oder sich nicht erklären kann. Durch True Crime hoffen die Zuschauer und -hörer, die Psychologie und die Beweggründe von Verbrechern besser nachvollziehen zu können. Und dann gibt es noch jene Menschen, die durch True Crime besser auf gefährliche Situationen vorbereitet sein wollen.

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