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26 Jahre nach Brandanschlag: War Tod von Griechin rassistische Tat?

Die Sachlage scheint klar zu sein: Ein Mann aus Paderborn beleidigt und bedroht wiederholt seine griechischen Nachbarn. Dann tötet er die Mutter. Der Staat sieht keine rassistische Tat.

Paderborn – Genau 26 Jahre ist es her, dass bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag eine 62 Jahre alte Griechin umgebracht wurde. Ihr Nachbar, mit dem die Familie mit griechischen Wurzeln immer wieder aneinander geriet, hatte den Hausflur in Brand gesteckt.

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Paderborn: Nachbar hat Familie mit griechischen Wurzeln rassistisch beleidigt

Die Familie Rousi wohnte seit sieben Jahren mit dem Mann aus dem Erdgeschoss unter einem Dach. In dem Zwei-Familienhaus in Paderborn blieb nicht viel Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Immer wieder begegneten die Nachbarn sich auf dem Hausflur oder im Garten – und jedes Mal kam es zu rassistischen Beleidigungen seitens des späteren Täters.

Die Schwiegertochter der von Alexandra Rousi erinnert sich in einem Interview mit dem Tagesspiegel, dass der Nachbar sie stets mit Beleidigungen wie „Ausländerschweine“ und „Scheiß Kanaken“ begrüßt habe. Schon wenige Tage vor dem Brandanschlag in Paderborn wurde es für die Rousis gefährlich: Der gefürchtete Nachbar stand mit einem Knüppel vor der Wohnungstür der Familie.

Rassistischer Brandanschlag in Paderborn: Vermieter wollte sich nicht mit Nachbar auseinandersetzen

Vor dem Brandanschlag in Paderborn hatten sich die Rousis mehrmals beim Vermieter über den rassistischen Mann aus dem Erdgeschoss beschwert. Doch das städtische Liegenschaftsamt, dem das Haus gehört, verwies die Aufgabe zurück an die Mieter – das müssten die Nachbarn unter sich klären. Zur Polizei ist die Familie mit ihren Sorgen den damaligen Erkenntnissen nach nicht gegangen.

An dem verhängnisvollen Tag des 14. Oktober klingelte der Nachbar, dessen Name nicht öffentlich bekannt ist, wieder an der Wohnungstür der Familie Rousi. Sie hatten sich gerade auf den Weg zu ihrem Imbiss in Paderborn machen wollen. Niko, der Sohn von Alexandra, öffnete die Tür und wurde prompt mit zwei heftigen Schlägen zu Boden gebracht.

Die Polizei stellte die Ermittlung gegen den Täter ein – dieser kam ebenfalls bei dem Brand ums Leben. (Symbolbild)

Paderborn: Nachbar legt Brand um griechische Familie zu vertreiben

Danach rastete der Nachbar völlig aus: „Ich zünde euch alle an“, brüllte er durch den Hausflur. Bei sich hatte er zwei Benzinkanister, die er auf den Boden ausschüttete. Alexandra Rousi versuchte noch, ihm die Behälter aus der Hand zu reißen, doch zu spät. Als der Mann ein Feuerzeug entzündete und es auf den Boden warf, stand in dem Mehrfamilienhaus in Paderborn sofort alles in Flammen.

Ihr Sohn hörte ihre Schreie und versuchte, der 62-Jährigen zur Hilfe zu kommen. Dabei zog er sich schwere Brandverletzungen zu. Seine Frau Chara sprang vom Balkon, um sich vor dem Nachbarn in Sicherheit zu bringen. Die beiden gemeinsamen Kinder des Paares waren zu dem Zeitpunkt in der Schule in Paderborn.

Alexandra Rousi bei Brandanschlag in Paderborn getötet – offiziell keine rassistische Tat

Die Feuerwehr traf wenig später ein. In dem Haus fanden sie den Nachbarn in brennender Kleidung vor der Tür seiner Wohnung liegen. Im ersten Stock stießen sie auf die Überreste von Alexandra Rousi. Im Jahr 1994 gab es zahlreiche solcher rechtsextremistischen Brandanschläge – mehr als 80 sind der Polizei bekannt. Dazu kommen rund 900 anderer Straftaten mit rassistischem Hintergrund. Die Tat in Paderborn wird jedoch nicht dazu gezählt.

Bei dem Feuer in Paderborn kam auch der Täter ums Leben, weshalb gegen ihn nicht weiter ermittelt wurde. Die Tat wird nicht zu den Fällen der rassistischen Gewalt gezählt, weil der 62-Jährige nicht zu einer Partei mit rechtem Gedankengut gehörte. Vielmehr wurde der Nachbar von der Staatsanwaltschaft als verrückt erklärt.

Nach Brandanschlag in Paderborn: Familie Rousi verlässt Deutschland

Chara und Niko Rousi haben nach der Tat ihren Imbiss verkauft, den sie sich in Paderborn aufgebaut hatten. Die Geschäfte liefen zwar ziemlich gut, doch hier wollten sie nicht bleiben. Stattdessen zogen die gebürtigen Deutschen nach Griechenland, um dort ihre seelischen und körperlichen Verletzungen zu heilen. Auch 26 Jahre nach dem Tod von Alexandra Rousi zählt der Brandanschlag des Nachbarn nicht als rassistische Tat.

Rubriklistenbild: © dpa/Swen Pförtner

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