Behörden-Versäumnisse

Missbrauchsfall Lügde: Polizeipräsident räumt Fehler ein

Auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde wurden massenhaft Kinder missbraucht. Einige Täter wurden inzwischen zu langen Haftstrafen verurteilt. Die Polizei räumte nun Fehler ein.

Hannover/Lügde – Von Versäumnissen der Behörden sprach der Polizeipräsident von Niedersachsen, Axel Brockmann, am Freitag (5. Februar) im Zusammengang mit dem massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen (NRW). Schon im Frühjahr 2019 habe die Polizei in Northeim Kenntnisse von einem möglichen Straftäter erhalten. Den Hinweisen sei zu diesem Zeitpunkt jedoch niemand nachgegangen.

Stadt:Lügde
Einwohner:9390 (31. Dezember 2019)
Bundesland:NRW

Missbrauchsfall Lügde: Polizei gibt Fehler bei Ermittlungen in Northeim zu

Gegenüber der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (HAZ) sagte der Polizeipräsident von Niedersachsen jetzt: "Die Polizei hätte die Staatsanwaltschaft informieren müssen." Dem Bericht zufolge hatte das Innenministerium den Fall bereits geprüft und Fehler zugegeben. Um zwei tatverdächtige Männer, die in Kontakt mit dem Haupttäter des Missbrauchsfalls von Lügde gestanden haben sollen, ging es bei den Ermittlungen in Northeim.

Ein 49-Jähriger aus dem Landkreis Northeim kam erst im März 2020 in Haft. Er muss sich in einem Strafverfahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen verantworten. Nach Angaben der HAZ befindet sich der zweite Mann auf freiem Fuß. Im Missbrauchsfall Lügde wurden zwei Männer zu langjährigen Haftstrafen mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Sie mussten sich im Herbst 2019 in einem Prozess am Landgericht Detmold verantworten. Auf dem Campingplatz Eichwald, der an der Landesgrenze zu Niedersachsen liegt, haben sie mindestens 32 Kinder jahrelang schwer missbraucht.

Missbrauchsfall Lügde: Stehen strafrechtlche Vorwürfe bei der Polizei Northeim im Raum?

Im Verlauf der Ermittlungen kamen immer mehr Details zu dem Missbrauchskomplex von Lügde ans Tageslicht. Auch schwere Verfehlungen und Behördenversagen wurden offenbart. Wie Niedersachsens Polizeipräsident Brockmann mitteilte, richtete das Innenministerium nach der Festnahme des 49-Jährigen eine Expertengruppe ein, die mögliche Versäumnisse bei der Polizei in Northeim und der verantwortlichen Polizeidirektion Göttingen prüfen sollte.

Zwischen Niedersachsen und NRW sei die Kommunikation "nicht eindeutig" gewesen, so der Polizeichef. Fest stehe jedoch, dass strafrechtlich wohl keine Vorwürfe im Raum ständen. Dienstrechtliche Folgen würden von der Polizeidirektion geprüft, so Brockmann weiter. Auch die Jugendämter, beispielsweise die Behörde in Hameln-Pyrmont in Niedersachsen, stand enorm unter Druck. Das Amt hatte einem der Haupttäter von Lügde trotz mehrerer Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten die Pflegschaft für ein Mädchen übertragen.

Niedersachsens Polizeipräsident Axel Brockmann räumte Fehler bei den Ermittlungen zum Missbrauchsfall Lügde ein.

Missbrauchskomplex Lügde erneut Thema im NRW-Landtag – Vorwürfe gegen Jugendamt Höxter

Der Missbrauchskomplex Lügde war am Donnerstag (4. Februar) auch wieder Thema im NRW-Landtag. Die Verbindung des Jugendamts Höxter mit den Vorkommnissen im Kreis Lippe beschäftigte den Untersuchungsausschuss. Zwei Mitarbeiterinnen wurde als Zeugen vernommen. Mehrfach liefen bei ihnen Verdachtsmeldungen auf.

Die Meldungen bezogen sich auf ein Mädchen, mit dem der verurteilte Steinheimer Mario S. auf dem Campingplatz in Lügde war. Er kannte den Vater des Kindes. 2015 bekam das Jugendamt Höxter dann einen Hinweis der Grundschule: Das Mädchen käme verändert von Campingplatz zurück und wolle sich beim Schwimmunterricht nicht ausziehen, berichtet Radio Hochstift.

Im Anschluss wurde eine Untersuchung bei dem Mädchen durchgeführt. Der behandelnde Arzt konnte bei dem Kind jedoch nichts feststellen. Eine Umgangspflegerin meldete sich zwei Jahre später zu Wort. Sie gab an, dass das Mädchen bei dem Täter Mario S. im Bett schlafe. Mit der Mutter vereinbarte das Jugendamt, das Kind nicht mehr zum Campingplatz zu schicken. In den kommenden Wochen soll auch die Umgangspflegerin im Untersuchungsausschuss als Zeugin vernommen werden.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa / Guido Kirchner

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