Bad Oeynhausen im Kreis Minden-Lübbecke (NRW)

Tränengas und Freiheitsentzug im Behindertenheim: 145 Beschuldigte

Ein Pfleger schiebt einen Rollstuhl.
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In einem Behindertenheim in Bad Oeynhausen soll es zu brutalen Übergriffen gekommen sein. (Symbolbild)

Der Skandal um das Behindertenheim „Wittekindshof“ weitet sich aus. Es soll zu Gewalt und Freiheitsberaubung gegenüber Bewohnern gekommen sein – die Zahl der Beschuldigten liegt inzwischen bei 145.

Update: 12. Januar. Gegen 145 Beschuldigte ermitteln derzeit Staatsanwaltschaft und Polizei in Bad Oeynhausen. Den Mitarbeitern des „Wittekindshofes“ wird vorgeworfen, die Bewohner des Behindertenheims misshandelt zu haben. Unter den Beschuldigten sind mehrere Ärzte sowie der Leiter des Geschäftsbereichs.

32 Personen, die im „Wittekindshof“ in Bad Oeynhausen leben, konnten bisher als Geschädigte identifiziert werden, wie die Polizei mitteilt. Diese sind unter anderem Opfer von freiheitsentziehenden Maßnahmen, zum Beispiel dem Einsperren in einem Raum oder dem Festbinden auf einem Stuhl, geworden. Für solche Eingriffe in das Grundrecht eines Menschen muss jedoch ein richterlicher Beschluss vorliegen, der in diesem Fall nicht gegeben war.

In 21 Fällen wurde Tränengas im „Wittekindshof“ in Bad Oeynhausen benutzt. Dieses Gas bewirkt eine Reizung der Augen und der Nasenschleimhäute. Anschließend kommt auch Halskratzen und ein brennendes Gefühl auf der Zunge hinzu. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun, ob die Mitarbeiter des Behindertenheims das Gas möglicherweise aus Notwehr eingesetzt haben und prüft dazu die einzelnen Fälle.

Die Ermittlung zu den Geschehnissen im „Wittekindshof“ in Bad Oeynhausen (Kreis Minden-Lübbecke) werden seit September 2019 geführt. Einigen der Beschuldigten wird auch gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Mit welchem Motiv das Personal handelte, ist noch unklar.

Nach der ersten Durchsuchung des Behindertenheims in Bad Oeynhausen im Oktober 2019 wurden weitere Häuser durchsucht. 26 Objekte, zum Großteil in Ostwestfalen, nahmen die Ermittler unter die Lupe. Die Ermittlungen zum Geschehen im „Wittekindshof“ dauern noch an – ein Ende ist noch nicht absehbar.

StadtBad Oeynhausen
Einwohner48.604
BundeslandNRW

Bad Oeynhausen: Tränengas und Schläge gegen Bewohner im Behindertenheim?

Erstmeldung: 11. Januar. Bad Oeynhausen – Es waren schwere Vorwürfe, die im Herbst 2019 gegen die Leitung der Behinderteneinrichtung „Wittekindshof“ in Bad Oeynhausen (Kreis Minden-Lübbecke) erhoben worden waren (Owl24.de* berichtete). Bewohner sollen eingesperrt, fixiert, geschlagen, getreten und sogar mit Tränengas besprüht worden sein.

Offenbar nimmt der Fall aus Bad Oeynhausen nun immer größere Dimensionen an. So wird mittlerweile laut Informationen des WB gegen mehrere Dutzend Beschuldigte ermittelt – darunter Pflegepersonal, Ärzte und die Einrichtungsleitung. Hauptbeschuldigter ist der Diakon, der die Verantwortung für die brutale Vorgehensweise trug. Aktuell ist er vom Dienst freigestellt.

Behindertenheim in Bad Oeynhausen: Vorwurf der Körperverletzung

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bielefeld* bestätigte am Samstag (9. Januar), dass mittlerweile gegen mehrere Personen ermittelt wird. Die für Bad Oeynhausen in Ostwestfalen* verantwortliche Polizei Minden-Lübbecke äußerte den Vorwurf der Körperverletzung. Bereits am 1. Oktober 2019 wurde das Behindertenheim in Bad Oeynhausen durchsucht*. Bereits damals rechnete die Staatsanwaltschaft mit einem langwierigen Verfahren.

Nachdem die Ermittlungen auf weitere Mitarbeiter ausgedehnt worden waren, wies das Gesundheitsministerium die Bezirksregierungen an, „sämtliche Einrichtungen der Diakonischen Stiftung Wittekindshof (DSW) zu prüfen“. Im Dezember 2020 gab es dann die ersten neuen Ergebnisse. „Dabei wurde bekannt, dass es nicht nur um freiheitsentziehende Maßnahmen geht, die nicht vollumfänglich durch richterliche Genehmigung oder entsprechende Einwilligung gedeckt sind. Vielmehr wurden weitere Ermittlungsergebnisse vorgestellt, die vermuten lassen, dass es zu einer Reihe von schwerwiegenden Übergriffen gekommen ist“, wie das Gesundheitsministerium mitteilt.

Bad Oeynhausen: Tränengas gegen behinderte Bewohner? Diakonie will „schonungslos aufklären“

Laut Angaben des WB finden sich in den Akten zu den Vorfällen in Bad Oeynhausen auch „Hinweise auf möglicherweise illegales Einsperren, unerlaubtes Festschnallen auf Matratzen, Schläge, Tritte und den Einsatz von CS-Gas.“ Der Einsatz von Tränengas ist höchstens aus Notwehr erlaubt. Der Vorstand der Diakonischen Stiftung Wittekindshof zeigt sich kooperationsbereit: „Der Einsatz von CS-Gas ist und war zu keinem Zeitpunkt in Betreuungssituationen im Wittekindshof gestattet. Wenn Maßnahmen ergriffen wurden, die vielleicht strafbar gewesen sind, wollen und werden wir das schonungslos aufklären.“

Bereits im Oktober 2019 sicherte die Diakonie den Ermittlern im Falle des Wittekindshofs in Bad Oeynhausen zu, die polizeilichen Untersuchungen in vollem Umfang zu unterstützen. Der Stein des Anstoßes war damals ein 30-Jähriger, der seiner Schwester berichtete, in der Einrichtung misshandelt worden zu sein. Pascal G. floh immer wieder aus dem Heim und versuchte sogar, sich das Leben zu nehmen. Nach den ersten Ermittlungen bestätigten einige Mitarbeiter die Vorwürfe, woraufhin immer mehr Misshandlungen ans Tageslicht kamen. Die Ermittlungen dauern nun bereits seit 16 Monaten an – ein Ende noch nicht in Sicht ist. (*Owl24.de und msl24.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.)

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